Ein Hoch auf unseren Lokführer, Lokführer, Lokführer...
Wer mit der Deutschen Bahn reist, kann viel erzählen. Gestern hat mir solch eine Reise unerwartet einen Horizont geöffnet.
Wir wissen alle: Es bringt nichts, sich über Dinge aufzuregen, die wir nicht ändern können. Eine Zugfahrt quer durch Deutschland zu Ferienbeginn, mit viel Gepäck, ist der ultimative Praxistest. Ich habe ihn gewagt. Und dann: Chaos. Pures Chaos. Adrenalin, Puls, Atmung – alles rast um die Wette. Ich weiß ja, dass es schlimm ist. Aber so schlimm?
Und dann ist da plötzlich dieser eine Moment. Die Welt steht still.
Ich sehe mir selbst von oben zu, wie ich meine Lebenszeit mit Aufregen vergeude. Meine wertvolle Lebenszeit. Und mir wird klar. Das mache ich selbst. Niemand sonst. NUR ICH.
Es ist meine Bewertung der Situation, die all das in mir auslöst.
Ist es nicht ein Privileg, überhaupt reisen zu können? Früher brauchte man für dieselbe Strecke Tage. Alles ist relativ. Komme ich früher an, wenn ich mich aufrege? Natürlich nicht. Mit dieser Erkenntnis lege ich den Schalter um. Die Situation bleibt dieselbe – Chaos überall. Aber ich lasse mich nicht mehr von ihr beeinflussen.
Ich sehe den Weg als das Ziel.
Und ab da wird es richtig lustig. Ich beobachte, schaue, fühle, genieße. Ich nehme die negative Bewertung heraus – und auf einmal liegen die Geschenke überall herum. Eine geschenkte Stunde am frühen Morgen in meiner Heimatstadt. Vogelgesang. Der Bäcker hat schon auf. Eine leere Bank in der Sonne wartet auf mich. Später im Zug sehe ich überall Menschen, die aufeinander Rücksicht nehmen. Die sich gegenseitig helfen.
Dann die Krönung. Noch in Westfalen wird der Zug langsamer. Der Lokführer meldet sich: „Ihr habt euch sicher schon gewundert. Wir sind langsamer geworden und gleich stehen wir. Auf einem Abstellgleis. Und warum stehen wir da? Weil wir einen Zug vorbeilassen müssen. Weshalb kann ich euch auch nicht sagen. Ihr merkt dann schon selbst, wenn es weitergeht.“ Wenig später wieder: „Ihr habt es sicher schon gemerkt. Wir bremsen. Ich sehe etwas, was ihr nicht seht. Es ist weiß. Es ist das Ende des Zuges, der uns überholt hat. Warum der jetzt da steht, kann ich euch auch nicht sagen.“
Alles lacht. Im Nachbarabteil beginnt jemand zu singen: „Ein Hoch auf unseren Lokführer, Lokführer, Lokführer…“ Nach und nach singt der ganze Zug. Die Menschen lächeln sich an, schauen von ihren Smartphones auf und begegnen sich.
Noch 7 Stunden war ich unterwegs, in wechselnden Zügen, immer noch Chaos – und überall habe ich Rücksicht gesehen. Was für eine schöne Fahrt! Und sie war nur aus einem Grund schön. Weil ich die Brille gewechselt habe...
Nur eine Sekunde. Und die Welt sieht anders aus. Einfach so.
Das will ich üben. Denn es ist meine Lebenszeit. Das Wertvollste, das ich habe. Es wird mir nicht immer gelingen – und das ist okay. Aber ich bleibe dran.
Du auch?
Vielleicht beginnen wir dann, über uns selbst zu lächeln. Und erinnern uns an diese kleine, wahre Geschichte und summen: „Ein Hoch auf unseren Lokführer, Lokführer, Lokführer…“ Das wünsche ich mir.
Ich geh jetzt leben. Und du?
Bis auf bald, da draußen
Mona
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